Louis Spohr


Louis Spohr - eine Kasseler Persönlichkeit

 

Als Louis Spohr am 14. Januar 1822 in Kassel einzog, fand er eine lange Musiktradition vor. Die Kasseler Hofkapelle, 1502 gegründet, war das älteste Orchester in Deutschland. Oper und Hofkapelle erreichten unter den Landgrafen Carl und Friedrich II. ein hohes Ansehen. Mit einem Jahresgehalt von zweitausend Talern wirkte Louis Spohr als Hofkapellmeister unter Kurfürst Wilhelm II. 

 

Durch seine intensive Orchesterarbeit verwandelte er die Kasseler Hofkapelle innerhalb kurzer Zeit in ein "europäisches Spitzenorchester", das berühmte "Bunte Orchester", das aus Militärmusikern in den damals üblichen bunten Uniformen und einer Reihe von sehr guten, von Spohr verpflichteten "zivilen" Musikern bestand. 

 

Die Jahre 1822-1832 sind als Glanzzeit der Kasseler Bühne in die deutsche Operngeschichte eingegangen: 40 neue Opern brachte Louis Spohr in dieser Zeit auf den Spielplan. Davon waren eine Reihe Erstaufführungen, z. B. Webers "Freischütz" (1822) und Rossinis "Wilhelm Tell" (1831). 

 

Bereits 1 1/2 Jahre nach seinem Dienstantritt in Kassel gelang Louis Spohr mit der Uraufführung seiner Oper "Jessonda" anläßlich des Geburtstages seines Landesherrn am 28. Juli 1823 ein großartiger Erfolg. Weitere Opern folgten. Spohr's kompositorische Arbeit ist in annähernd 300 Werken, darunter viele Opern, (Violin-) Konzerte und Kammermusikliteratur überliefert. Auch seine Violinschule ist ein noch heute viel beachtetes Werk. 

 

Mit dem 1822 gegründeten "Caecilienverein" verfügte Louis Spohr über einen Chor, mit dem er nicht nur zeitgenössisches Liedgut sondern auch Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts pflegte. Bemerkenswert sind auch seine geistlichen Kompositionen, z. B. das 1826 vollendete Oratorium "Die letzten Dinge". 

 

Doch nicht nur der Musiker verdient unsere Bewunderung: Louis Spohr war ein humanitär handelnder, nach sozialen Verbesserungen strebender homo politicus, dessen Schüler an alle wichtigen Opernhäuser und Musiktheater der Welt engagiert wurden. 

 

Jahrzehntelang hat der hervorragende Violinvirtuose, Dirigent, Komponist und Musikpädagoge Louis Spohr als kurfürstlicher Generalmusikdirektor in Kassel gewirkt. Ihm ist die Einrichtung einer Witwen- und Waisen-Kasse und eines Pensionsfonds zu verdanken, der die Hinterblieben verstorbener Kapellmitglieder unterstützte. Ohne diese Unterstützung hätte die Familie eines Musikers nach dessen Tode keine oder lediglich nur eine sehr geringe Rente oder Pension erhalten.

 

Die Stadt Kassel verlieh dem berühmten Generalmusikdirektor Louis Spohr am 4. Februar 1847 die Ehrenbürgerwürde.

Am 22. Oktober 1859 starb Louis Spohr in Kassel. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Kasseler Hauptfriedhof beigesetzt. Anlässlich seines 100sten Geburtstages errichteten ihm Kasseler Bürger 1883 auf dem Opernplatz ein Denkmal. Dieses erste Monumentaldenkmal in Kassel hat noch heute einen prägenden Einfluss auf das Stadtbild. Louis Spohr war einer der großen Kasseler Bürger, er war Komponist, Violinvirtuose, Musikpädagoge, Homo politicus und Ehrenbürger der Stadt Kassel.

Texte


Denkmal von Louis Spohr

Was denkt Louis Spohr im Jahre 2012, dem Jahr der dOCUMENTA 13, auf seinem Sockel? Die Antworten gibt der Kasseler Autor Jürgen Pasche mit seinem unten abgedruckten Text.

Ansicht aus dem 19. Jahrhundert

Opernplatz im Juni 2004

Oktober 2012


Spohr? Denk mal!

von Jürgen Pasche, Kassel

 

„Du, Papa, ist das der alte Brenninkmeyer, der da auf dem Sockel steht? Und hat der Geige gespielt?“ fragte der kleine Junge seinen Vater. „Bestimmt!“ antwortete Papa. „Bin mir aber nicht ganz sicher. Frag mal die Mama, die weiß es auf alle Fälle.“

Ich erinnere mich noch mit Grausen an dieses kurze Gespräch. Leider war die Mama nicht da, um die Beiden (vielleicht!) aufzuklären. Allerdings war die Vermutung des Jungen gar nicht so abwegig, denn hinter mir war nach dem zweiten Weltkrieg ein Modehaus gebaut worden: C & A Brenninkmeyer. Davor stand ich nun, hoch aufgereckt, die Geige unter den linken Arm geklemmt, die Rechte dirigierend erhoben. Was also lag näher, mich, den Hofkapellmeister Louis Spohr, mit diesem Modehaus in Verbindung zu bringen. Nun, das ist auch schon wieder lange her, heute sind nur noch die Anfangsbuchstaben der Vornamen übrig geblieben, da ist eine solche Verwechslung kaum noch möglich, zumal für den des Lesens Kundigen ja mein Name auf dem Sockel steht. - Einen Moment bitte: Wirst du wohl verschwinden? Setz dich gefälligst woanders hin, du dumme Taube! Ich fühle mich ohnehin an manchen Tagen reichlich besch...! Gut, dass es ab und zu kräftig regnet! - Nun wieder zu Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser. Ja, was war das doch früher schön hier, als rechts von mir meine 'Arbeitsstelle' stand, das alte Hoftheater, das später dann dem Kaufhaus Tietz weichen musste. Inzwischen ist hier ein noch größerer Kauftempel entstanden. Hinter mir stand das Waitz'sche Palais.

 

Verschwunden – ersetzt durch den Clamotten-August, wie das Bekleidungsgeschäft eine Zeit lang hieß. Links neben mir: das Roux'sche Haus, später Kommandantur genannt, von dem zumindest noch die Fassade mit dem wunderbaren Balkon erhalten ist. Aber innen? Kleidung für Besserbetuchte! Zum Glück sind auch noch drei Namen erhalten geblieben: Opernstraße, Theaterstraße und Opernplatz. Wer aber die Stadtgeschichte nicht kennt, wundert sich über diese Namen, denn er kann sie keinem der in der unmittelbaren Nähe liegenden Gebäude zuordnen.

 

So stehe ich nun hier und schaue in die Weite. Das konnte ich früher nicht, denn damals versperrte mir das neue Staatstheater, das quer am unteren Ende des Friedrichsplatzes stand, den Blick Richtung Söhre. Wobei „versperrte“ ein falscher Ausdruck ist, denn der Anblick des wirklich majestätischen Gebäudes weckte in mir schon etwas Neid: Dort hätte ich - unter großzügigeren Bedingungen als im alten Hoftheater – auch gern gearbeitet! Als alles um mich her in Trümmer fiel, war es zunächst ein kleiner Trost für mich, dass weite Teile des Theaters stehen geblieben waren. Wie groß war dann allerdings mein Entsetzen, als mitten in Friedenszeiten das immer noch imposante Gebäude abgerissen wurde! Andere Zeiten, andere Menschen, andere Gedanken! Zum Glück blieb das Fridericianum erhalten; vom Roten Palais ein Säulenrest; das Weiße Palais fiel der Verbreiterung der Königstraße zum Opfer; die Elisabethkirche musste dem breiten Steinweg weichen. Sie wurde allerdings schlicht, aber würdevoll wieder errichtet, wenn auch an anderer Stelle. Einen besonderen Akzent erhielt sie kürzlich durch ihren „Mann im Turm“, der in seiner einfachen, aber überzeugenden Pose einige wenige Gemüter sehr erregte, was ihn aber souverän schweigen ließ. Auch heute fällt mein Blick wieder auf ein Theater: umstritten, was seine äußere Gestalt betrifft, innen aber voller Leben und Kultur. Es würde mich wieder locken, herunter zu steigen und unter den heutigen Bedingungen dort zu arbeiten. Ich wäre zwar kein Hofkapellmeister, aber sicher auch ein GMD. Übrigens bin ich sehr stolz, dass man mir in Kassel sogar ein kleines Museum gewidmet hat. Ich kann es leider nicht selbst besuchen, habe aber viel Positives gehört. Und: Es gibt auch eine Louis- Spohr-Stiftung, die das Musikleben in Kassel in meinem Sinne fördert! Sie verwendet in ihrem Logo sogar meine von mir selbst entwickelte musikalische Schreibweise meines Namens. Das war damals gar nicht so leicht, Bach mit seinen Notenbuchstaben b, a, c, h hatte es da viel einfacher. Aber ich habe auch eine gute Lösung gefunden und freue mich, dass sie weiter lebt.

Jetzt erfreue ich mich aber auch an dem schönen Weitblick, genieße im Winter die Stimmung beim Weihnachtsmarkt, erdulde Demonstrationen verschiedenster Art, ertrage so manche Musik, die hier erklingt, sehe Straßenbahnen und die vielen Menschen, die durch die Straßen eilen. Einige stellen ihre Taschen an meinem Sockel ab und ruhen ein wenig auf meinen Stufen aus. Ich bin eigentlich ganz zufrieden – bis gestern!

Da steht wieder so ein kleiner Junge vor mir, schaut hoch und fragt seinen Papa: „Du, Papa, ist das der alte Fielmann, der da auf dem Sockel steht? Und hat der Geige gespielt?“ „Aber Junge,“ antwortet der Papa, „erstens hat der Mann doch gar keine Brille auf, außerdem kannst du doch lesen. Da steht doch 'Louis Spohr', nach dem ist in Kassel sogar eine Straße benannt worden. Und weißt du, warum? Der ist doch der Erfinder des Finanzamtes, das dort lange war. Und wenn du mir das nicht glaubst, dann frag die Mama, die weiß ohnehin alles besser als ich!“ - Da kann ich nur seufzen: „Hoffentlich!“

 

Text von Jürgen Pasche, vorgetragen beim Literarischen Stammtisch im HaDeBe - Haus der Bürgerstiftung - am Montag, den 20. August 2012.


Louis Spohr und die Louis-Spohr-Stiftung

Dr. Lorenz B. F. Becker, Kassel

 

„KASSEL. „Elisabeth Selbert wäre heute sicher besonders stolz gewesen“ Davon war Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales … bei der Einweihung des sanierten Bundessozialgerichtes (BSG) am Graf-Bernadotte-Platz. Der neue Plenarsaal des höchsten deutschen Sozialgerichtes ist nach der Politikerin und Juristin aus Kassel benannt. … Großen Applaus erhielten die Geigerin Stephanie Appelhans, 2009 Siegerin des Louis-Spohr-Wettbewerbs und Michael Kravtchin, Kulturpreisträger der Stadt Kassel [und Kurator der Louis-Spohr-Stiftung Kassel].

(Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, HNA, 13. April 2009).

SEESEN. Spohr-Werke auf dem Steinway-Flügel

Zur Wiedereröffnung des Städtischen Museums in Seesen … spielten die beiden Spohr-preisträgerinnen Stephanie Appelhans [2009] und Julia Rinderle [2010] Spohr-Werke auf dem Steinway-Flügel beziehungsweise auf der Geige. …

(Seesener Beobachter, 29. November 2010)

KASSEL. Im Elisabeth-Selbert- Saal des Bundessozialgerichts wurde bei der Finalrunde des 17. Internationalen Louis-Spohr-Wettbewerbs viel geboten. Nicht nur, dass wenig bekannte Stücke das Programm schmückten. Darüber hinaus unterhielten avantgardistische Späße. Und zwar Arien aus György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“, wo neben Rhythmusgefühl der Mut zur Performance gefragt war. Die Trompeterin Friederike Huy punktete (mit ihrem ebenfalls stark geforderten Klavierpartner Ashley Hribar) bei der Ligeti-Lustbarkeit, nachdem sie bei Haydn ihren schönen Ton gezeigt hatte. Damit überzeugte die 25-jährige Studentin der Musikhochschule Hannover sowohl die Jury unter dem Vorsitz von Reinhard Kiauka, dem Chef des Heeresmusikkorps 2, als auch die rund hundert Zuhörer. … 

(Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, HNA, 14. Juni 2011).

Drei Pressenotizen, wahllos herausgegriffen, die sich auf Louis Spohr, den großen Kasseler Violinvirtuosen, Komponisten, Dirigenten und Musikpädagogen und die mit seinem Namen in Kassel arbeitende Stiftung beziehen. Wer war dieser Freimaurer, der am 5. April 1784 in Braunschweig als Ludwig Spohr das Licht d er Welt erblickte? Seine Kindheit verbrachte er in Seesen, wo sein Vater Carl Heinrich Spohr als Kreisphysikus und Medizinalrat tätig war. Die Eltern waren musikalisch; der Vater blies Flöte, die Mutter, spielte Klavier und sang die italienischen Bravourarien der damaligen Zeit.

 

„Da sie sehr oft des Abends musizierten, so wurde der Sinn und die Liebe zur Tonkunst schon früh bei mir geweckt. Zuerst begann ich, mit einer klaren Sopranstimme begabt, zu singen und im vierten oder fünften Jahre schon durfte ich in Duetten mit der Mutter an den Abendmusiken teilnehmen. Um diese Zeit war es, daß mir der Vater meinem Wunsche nachgebend auf einem Jahrmarkte eine Geige kaufte, auf der ich nun unaufhörlich spielte. Zuerst versuchte ich die früher gesungenen Melodien herauszubringen und war überglücklich, wenn die Mutter mir dazu akkompagnierte.“ 

(Louis-Spohr; Lebenserinnerungen.- Verlegt bei Schneider, Tutzing, 1968, 2 Bände, 392 + 294 Seiten, zahlr. Abb.)

 

Mit der 1789 gekauften Geige, die heute noch im Museum in Braunschweig zu sehen ist, begann eine unvergleichliche Lebensgeschichte und Musiker-Karriere. Leutnant Du Four, ein französischer Revolutionsflüchtling, der im Hause Spohr untergekommen war, überzeugte den Vater, dass der junge Ludwig statt der Jurisprudenz doch das Violinspiel erlernen sollte. In Seesen schrieb Louis seine ersten Violinduette.

Mit der Forschheit der Jugend wandte sich Louis Spohr an den Herzog von Braunschweig, der ebenfalls die Geige spielte. Nach einer ersten Audienz durfte er eine seiner Kompositionen auf einem der Hofkonzerte der Herzogin spielen. So wurde er mit Beginn seines fünfzehnten Lebensjahres als Kammermusikus angestellt. Das Reskript, welches später ausgefertigt wurde, ist vom 2. August 1799 datiert. Mit dem Gehalt von 100 Thalern konnte er bei großer Sparsamkeit und mit Hilfe kleiner Nebenverdienste seinen acht Jahre jüngern Bruder Ferdinand, der ebenfalls Neigung und Talent für Musik zeigte, zu sich zu nehmen und zum Künstler auszubilden.

In den von harter Ausbildung geprägten Monaten entspannte sich Louis mit Zeichnen und Malen. Das hatte er von frühester Kindheit an geübt und ohne je Unterricht gehabt zu haben, zu einer gewissen Fertigkeit gebracht. Musik und vor allem soziales Engagement prägen schon in frühester Jugend das Leben des jungen Geigers. Ludwig, der sich später dem Zeitgeist entsprechend Louis nannte wurde vom Herzog einem der bedeutendsten Geiger der damaligen Zeit, Franz Eck zur weiteren Ausbildung anvertraut. Eck nahm ihn mit auf eine einjährige „Kunstreise“ nach Petersburg. Stationen dieser Reise waren zunächst Hamburg und Ludwigslust, wo er u. a. das Violinkonzert op. 1 schrieb.

1805 wurde der Geiger Louis Spohr in Gotha der jüngste Leiter einer Hofkapelle auf deutschem Boden und in dieser Funktion Oktober 1807 Mitglied der Freimaurerloge „Ernst zum Kompaß“. Das den humanitären Idealen der Aufklärung verpflichtete Gedankengut der hier versammelten geistigen Elite trug maßgebend zur Prägung von Spohrs Persönlichkeit bei. Gotha war zu dieser Zeit eines der geistigen Zentren Deutschlands. Spohr formte die Hofkapelle innerhalb kürzester Zeit zu einem „Elite-Orchester“. Die Bürgerschaft nahm aktiv am regen Geistesleben der Stadt teil. Dem entsprach die von Spohr geschaffene Einrichtung öffentlicher, das heißt, auch jedem Interessierten aus der Bürgerschaft zugänglicher Orchester- und Kammermusik-Konzerte. Wir erinnern uns: in Braunschweig und anderen Residenzen waren Hofkonzerte nie für das große Publikum geöffnet. Kammermusik war noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ausschließlich in privaten Zirkeln zu genießen. Spohr trug somit wesentlich zur Bildung der bürgerlichen Musikkultur bei.

In Gotha betätigte sich Spohr neben seiner Tätigkeit als Kapellmeister und Komponist erfolgreich als Musik-Pädagoge. Zu den knapp 200 Schülern, die Louis Spohr in seinem Leben ausgebildet hatte, gehörte der spätere Leipziger Thomaskantor und Musiktheoretiker Moritz Hauptmann. Der Unterricht bestand nicht allein in Violin-Lektionen, denn Spohr sah es als Aufgabe an, den Schülern auch Fremdsprachen-Kenntnisse sowie ästhetische Bildung zu vermitteln und für ihre körperliche Ertüchtigung zu sorgen. Er ging darin so weit, im Sommer 1808 eine Art „Lehrwanderung“ durch den Harz und den Thüringer Wald zu veranstalten. Spohr gab seinen Violin-Unterricht im Freien; die angehenden Geiger lernten von ihrem kaum älteren Lehrer - an Kraft und Gestalt alle überragend - Bewegungsübungen wie Schwimmen und Ballspiele. Er führte sie in Bergwerke und Fabriken und erweiterte also den Wissensstand über Musik und bildende Künste hinaus recht umfänglich. Diese Erziehung entsprach dem damaligen Zeitgeist. Wir finden die umfassende, Psyche und Physis des ganzen Menschen betreffenden Unterweisung besonders deutlich bei „Turnvater Jahn“ (frisch, fromm, fröhlich, frei). Jahn wollte die körperliche Ertüchtigung zur „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg” weiterentwickeln. Er sah die Entwicklung des Turnens in engem Zusammenhang mit politischen Zielen: der Befreiung Deutschlands von Napoleonischer Herrschaft, der Idee eines künftigen deutschen Reiches unter preußischer Führung und der Teilnahme der einzelnen Staatsbürger am Wohl und Weh des Ganzen. Damit unterschied er sich wesentlich von Spohrs durch die Freimaurerei geprägten Idealen der Aufklärung. Eine Anekdote aus Spohrs Lebenserinnerungen (s.o.):

 

In Clausthal angekommen, mußte es unsre erste Sorge sein, die auf der Reise ungebührlich angewachsnen Bärte abnehmen zu lassen, um wieder ein etwas zivilisiertes Ansehen zu gewinnen. Wir ließen daher einen Bartscherer kommen und lieferten uns ihm einer nach dem andern unter das Messer. Dabei ereignete sich etwas sehr Komisches! Wir hatten sämtlich mehr oder weniger vom Halten der Geige unter dem Kinn eine wunde Stelle, und ich, der sich zuerst niedersetzte, machte den Barbier auf diese aufmerksam und forderte ihn auf, mit dem Messer schonend darüber hinzugehen. Als dieser nun bei jedem Folgenden denselben wunden Fleck wiederfand, verzog sich sein Gesicht immer mehr in ein pfiffiges Lächeln, auch murmelte er wiederholt etwas in sich hinein. Darüber befragt, sagte er dann mit wichtiger Miene: „Meine Herren, ich merke, daß Sie sämtlich zu einem geheimen Bunde gehören und dessen Abzeichen an sich tragen. Wahrscheinlich sind Sie Freimaurer, und ich freue mich, endlich zu wissen, woran man diese erkennen kann!“ Als hierauf alle in ein lautes Gelächter ausbrachen, war er anfangs verdutzt, ließ sich aber in seinem Glauben doch nicht irre machen.“

 

Wenn der 1,92 m große Geiger mit seiner hübschen, zierlichen Frau Dorette, einer bedeutenden Harfenistin, die Konzertsäle betrat, jubelte das Publikum. Seine speziell für die Auftritte mit seiner Frau geschriebenen Harfenkonzerte gehören heute zu der in diesem Genre oft gespielten Musikliteratur.

Louis Spohr unternahm viele Konzertreisen durch Deutschland und Europa. Mit den Einnahmen aus den Konzerten finanzierte er zunächst wesentlich seinen Lebensunterhalt. Seine Virtuosität und seine kompositorisches Talent eilten dem jungen Musiker voraus. Wie wichtig ihm diese Reistätigkeit war, belegt ein Zitat aus seinen Lebenserinnerungen, das die Vertragsverhandlungen im Jahre 1821 für die Stelle eines Hofkapellmeisters in Kassel betrifft:

„Eines Morgens zu Anfang des Dezember trat nämlich C. M. von Weber zum Besuch bei mir ein und erzählte: er habe soeben einen Ruf nach Kassel als Kapellmeister an das dort neu errichtete Hoftheater erhalten, sei aber gesonnen, ihn abzulehnen, da er mit seiner jetzigen Stellung vollkommen zufrieden sei. Im Falle, daß ich mich aber um diese Stelle zu bewerben gedenke, wolle er in seiner Rückantwort auf mich aufmerksam machen und erwähnen, daß ich mich jetzt in Dresden aufhalte. Ich … nahm daher das Anerbieten Webers dankbar an. Infolge davon erhielt ich auch schon vor Ablauf einer Woche ein Schreiben von Herrn C. Feige, Generaldirektor des Kasselschen Hoftheaters, in welchem mir im Auftrage des Kurfürsten die Stelle als Hofkapellmeister angetragen und ich aufgefordert wurde, meine Bedingungen für die Annahme derselben mit umgehender Post einzusenden. Nachdem ich mich mit Weber und meiner Frau beraten hatte, forderte ich:

1) Anstellung mit Reskript auf Lebenszeit mit 2000 Taler Gehalt;

2) einen alljährlichen Reiseurlaub von 6—8 Wochen; und

3) die Zusicherung, daß mir die artistische Leitung der Oper ausschließlich übertragen werde.

Sämtliche Bedingungen wurden genehmigt, als Gegenbedingung aber verlangt, daß ich spätestens mit dem neuen Jahre meine Stellung antreten solle.“

(Louis-Spohr; Lebenserinnerungen.- Verlegt bei Schneider, Tutzing, 1968, 2 Bände, 392 + 294 Seiten, zahlr. Abb.)

 

Um die Gewährung des Reiseurlaubs rankt sich eine Vielzahl von Gerüchten, die mit Spohrs Verhältnis zum Kurfürsten zusammenhängen. Auch seine Zwangspensionierung 1857 sollte hier ihre Ursache haben. Wie wir heute wissen, war der Kurfürst seinem berühmten Musiker sehr wohl gesonnen. Im Grunde war der Kurfürst stolz auf seinen berühmten Hofkapellmeister. Der Titel des Generalmusikdirektors wurde Spohr vermutlich nur aus repräsentativen Gründen verliehen; aus den gleichen Gründen soll er mit dem Hessischen Löwenorden dekoriert worden sein. Der Kurfürst wollte Feige, den Generaldirektor des Hoftheaters damit ärgern.

Louis Spohr, der homo politicus besuchte die Debatten in der Frankfurter Paulskirche, stand bei der Revolution von 1848 in Kassel auf den Barrikaden. Er gründete den Caecilienverein. Damit war Spohr einer der großen Förderer und Wegbereiter der Chormusik. Kassel beherbergt viele Chöre unterschiedlichster Prägung; vom Bach-Chor, dem Kasseler Konzertchor, dem Wagner-Chor über den Polizeichor bis zu den vielen Chören der Kasseler Kantoreien an der Martinskirche im Herzen der Stadt bis zur Erlöserkirche in Kirchditmold. Der Orchesterleiter Spohr richtete für die Angehörigen des Kasseler Staatsorchesters einen Witwen- und Waisenfond ein.

 

Louis Spohr war ein angesehener Musikpädagoge. Seine 1831 erschienene Violinschule ist ein auch heute noch vielbeachtetes Werk. Mit Moritz Hauptmann, dem späteren Thomas-Kantor von Leipzig, gelangte Spohrs Kasseler Schule zu Weltruf. Zu den begabten Schülern gehörten auch die Komponisten und Pianisten Norbert Burgmüller und Hugo Staehle. Beide starben leider viel zu früh. Hugo Staehle war erst 22, als er 1848 an einer Hirnhautentzündung in Kassel verstarb. Er hinterließ einige sehr schöne Miniaturen für Klavier, die im Kasseler Verlag Merseburger erschienen sind.

Die Louis-Spohr-Stiftung veranstaltet in zweijährigem Rhythmus zu Ehren des Spohr-Schülers Hugo Staehle das „Internationale Hugo-Staehle-Festival für Junge Pianisten“. 2010 besuchten etwa 40 Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 25 Jahren aus 8 Nationen von Dänemark, Russland, Frankreich, Griechenland, Italien über Deutschland bis Korea und China diesen einzigartigen, einwöchigen musikalischen Jugendaustausch. Die angereisten acht Dozenten, fast ausschließlich Mitglieder der Internationalen Piano Teachers Organisation (PTA), gaben die Meisterkurse ehrenamtlich.

In nahezu 300 Werken ist uns Louis Spohrs musikalisches Schaffen überliefert. In jüngerer Zeit beschäftigen sich zunehmend wissenschaftliche Arbeiten mit Spohrs Werk. Einige entstanden mit Unterstützung von und bei der in Kassel ansässigen „Internationalen Louis-Spohr-Gesellschaft e. V.“ Diese widmet sich dem wissenschaftlichen Erbe des großen Kasseler Komponisten, der auch einer der Wegbereiter des Taktstockes war. Im Museum der Spohr-Gesellschaft im Südflügel des Hauptbahnhofes in Kassel spielt dann auch der Taktstock eine große Rolle. Mit dem Taktstock, einer Art Zauberstab, gelingt es Dinge zum Klingen zu bringen.

 

Am 22. Oktober 1859 starb Louis Spohr in Kassel. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Kasseler Hauptfriedhof beigesetzt. Anlässlich seines 100sten Geburtstages errichteten ihm Kasseler Bürger 1883 auf dem Opernplatz ein Denkmal. Dieses erste Monumentaldenkmal in Kassel hat noch heute einen prägenden Einfluss auf das Stadtbild. Louis Spohr war einer der großen Kasseler Bürger, er war Komponist, Violinvirtuose, Musikpädagoge, Homo politicus und Ehrenbürger der Stadt Kassel. Am 5. April 1784 wurde er in Braunschweig geboren. Louis Spohr war Freimaurer, er starb am 22. Oktober 1859 in Kassel und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in einem Ehrengrab im Mausoleums auf dem heutigen Hauptfriedhof in Kassel beigesetzt.

Die nach ihm benannte Louis-Spohr-Stiftung wurde 2004 von Kasseler Bürgern mit Unterstützung der Kasseler Freimaurerloge Durch Licht zum Frieden unter dem Dach der Bürgerstiftung für die Stadt und den Landkreis Kassel errichtet. Die Louis-Spohr-Stiftung ist im Namen des großen Kasseler Musikpädagogen Louis Spohr tätig. Sie fördert in seinem Sinne und mit seinem Namen den begabten musikalischen Nachwuchs. Die Louis-Spohr-Stiftung führt jährlich – in wechselnden Kategorien – einen internationalen Louis-Spohr-Wettbewerb durch, vergibt Stipendien, veranstaltet Konzerte, Festivals und Meisterkurse und produziert Tonmitschnitte.

 

Mit der Durchführung der Stiftungsarbeit ist der Förderverein Louis-Spohr-Stiftung e. V. betraut. Er nimmt die Funktion des Stiftungskuratoriums wahr. Zustifter können im Förderverein Louis-Spohr-Stiftung e. V. mitarbeiten und so Einfluss auf die Stiftungsarbeit nehmen. Dem Vorstand steht ein fachkundiger Beirat zur Seite. Dieser macht u. a. Vorschläge für die Wettbewerbe und legt deren Ausschreibungsmodalitäten fest. Die Unabhängigkeit des Beirats (Jury) garantiert, dass die Leistung der Nachwuchskünstler in den Wettbewerben neutral und fachlich kompetent bewertet wird. Der Förderverein finanziert sich durch Erträge aus dem Stiftungsvermögen, Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Arbeit in der Stiftung und im Förderverein erfolgt ehrenamtlich.

                             


20 Jahre Förderung

mit und in dem Namen von Louis-Spohr

Dr. Lorenz B. F. Becker, Kassel

 

Nach der Gründung des Louis-Spohr-Förderverein e. V. am 1. März 1994 konnte Dank großzügiger Starthilfen der Kasseler Sparkasse und einiger Kasseler Bürger bereits gut ein halbes Jahr später ein begabter Geiger mit dem ersten Louis-Spohr-Förderpreis ausgezeichnet werden. Damals präsentierte sich der Preisträger Martin Schminke, Student der Kasseler Musikakademie, mit dem Kammerorchester der Akademie unter der Leitung von Prof. Koszcis dem Publikum. Es war das erste Konzert in der neu gestalteten Kundenhalle der Kasseler Sparkasse. Die ausgezeichnete Akustik überraschte. 20 Jahre später laden wir wieder zum Finale des Internationalen Louis-Spohr-Wettbewerbs junge Geigerinnen und Geiger in die Kundenhalle der Kasseler Sparkasse ein.

Dazwischen liegen unzählige Konzerte an unterschiedlichsten Orten in wunderbaren Räumen mit besonderem Ambiente wie Musensaal von Schloss Wilhelmsthal, Schlosshotel Wilhelmshöhe, Spohr-Saal auf Schloss Hallenburg in Schlitz (Sitz der Landesmusikakademie Hessen LMAH), Städtisches Museum Seesen, Kapelle des Hauptfriedhofs, Kirchen (Sandershausen, Harleshausen, Guntershausen, Christuskirche, Emmauskirche am Brasselsberg), Komödie Kassel, Staatstheater, Ständesaal oder Hermann-Schafft-Saal in Kassel. An allen diesen Orten gaben wir dem begabten musikalischen Nachwuchs Gelegenheit, sich zu präsentieren.

 

Einige Konzerte und Veranstaltungen wie Benefizkonzerte im Elisabeth-Selbert-Saal des Bundessozialgerichts, die Reihe Kassel: Junge Klassik!, der Musikalische Stammtisch, Bernhard Langs Musikalischer Salon oder die Musikspaziergänge dienten auch der Öffentlichkeitsarbeit, um auf unsere Arbeit im Sinne des großen Kasseler Musikpädagogen Louis Spohr aufmerksam zu machen und die Mittel für die Förderung der Jungen Musiker ein zu werben.

Ein Berliner Mäzen ermöglichte uns z. B. die Finanzierung eines Stipendiums für eine junge polnische Pianistin an der Moskauer Tschajkowsky Universität. Nach ihrem Abschluss in Fort Worth in Texas ist Dr. Graciella Kowalczyk heute eine in den USA und in Übersee gefragte Musikdirektorin und Konzertpianistin.

Etwa 100.000 € haben wir seit unserer Gründung für die Nachwuchsförderung ausgeschüttet. Wir haben unter eigenem Label Tonträger produziert und inzwischen Heft 3 der Spohr Schriften verlegt. Herausgeber und Autor der Reihe ist der Kasseler Musikwissenschaftler und Kurator unserer Stiftung Dr. Wolfram Boder.

Zur Jubiläumsgala präsentierten wir die Romance aus der bei uns neu verlegten und ebenfalls von Dr. Wolfram Boder herausgegebenen Klaviersonate in As op. 125 von Louis Spohr (Heft 4 der Spohr-Schriften). Die Romance wurde vorgetragen von Ksenija Najmudinova. Die aus Usbekistan stammende Pianistin studiert bei unserem Kurator Iwan Urwalow, Dozent an der hiesigen Musikakademie Louis-Spohr.

 

Für Inhalte und Niveau der 20 Internationalen Louis-Spohr-Wettbewerbe zeichnen seit Beginn Hans-Dieter Uhlenbruck (Direktor der Kasseler Musikakademie i. R.) und Kurator Bernhard Lang (langjähriger erster Kapellmeister am Kasseler Staatstheater) federführend verantwortlich. In der Jury wirken ehrenamtlich externe Fachleute wie Kurator Lothar R. Behounek (Direktor der Landesmusikakademie Hessen) oder Solisten des Kasseler Staatsorchesters.

Bernhard Lang verstarb unerwartet im April 2013. Einige seiner Weggefährten und Schüler traten zu seinen Ehren bei dem Jubiläumskonzert am 4. April 2014 auf. Sie verzichten auf Honorare.

Der Leiter des Heeresmusikkorps Kassel, Oberstleutnant Reinhard Kiauka, steht in der militärischen Nachfolge von Louis Spohr, dessen „Buntes Orchester“ maßgeblich aus Militärmusikern bestand. Zwei Jahre Juryarbeit, mehrere Benefizkonzerte z. B. im Musensaal von Schloss Wilhelmsthal und die dort mitgeschnittene CD „An Höfen und Tafeln...“ zeugen von dem ehrenamtlichen Engagement des Kurators unserer Stiftung.

Höhepunkt unserer Stiftungsarbeit ist neben den Wettbewerben das alle zwei Jahre unter der Leitung unserer Kuratorin Elena Urvalov stattfindende Hugo-Staehle-Festival für Junge Pianisten. Mitte Oktober 2014 werden wieder etwa 40 junge Pianistinnen und Pianisten aus Dänemark, England, Russland, Griechenland, Italien oder Deutschland mit ihren Dozenten nach Baunatal und Kassel kommen. Zum Dozentenkonzert hat uns Präsident Peter Masuch in den Elisabeth-Selbert-Saal des Bundessozialgerichts eingeladen. Dort sind wir seit April 2010 (Einweihung des Gerichtssaales mit unserer Preisträgerin Stephanie Appelhans) regelmäßig zu Gast. Doch die Anmietung eines für Kammerkonzerte geeigneten Flügels überschreitet unsere finanziellen Möglichkeiten.

Wir wollen im Elisabeth-Selbert-Saal einen gebrauchten Konzertflügel deponieren und diesen auch Dritten für Konzerte zur Verfügung stellen. Sie können spenden oder mit einer Mindestspende von 150 € Tastenpate werden und so helfen, unseren Wunsch nach einem Flügel zu verwirklichen.


Louis Spohr und die Frauen

Jürgen Pasche

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