Denkmal von Louis Spohr

Was denkt Louis Spohr im Jahre 2012, dem Jahr der dOCUMENTA 13, auf seinem Sockel? Die Antworten gibt der Kasseler Autor Jürgen Pasche mit seinem unten abgedruckten Text.

Opernplatz - Kassel

Ansicht aus dem 19. Jahrhundert

Opernplatz im Juni 2004 mit dem Denkmal von
Louis Spohr

Teilansicht mit dem Geiger Louis Spohr, Juni 2004

Spohr? Denk mal!

von Jürgen Pasche, Kassel

„Du, Papa, ist das der alte Brenninkmeyer, der da auf dem Sockel steht? Und hat der Geige gespielt?“ fragte der kleine Junge seinen Vater. „Bestimmt!“ antwortete Papa. „Bin mir aber nicht ganz sicher. Frag mal die Mama, die weiß es auf alle Fälle.“

Ich erinnere mich noch mit Grausen an dieses kurze Gespräch. Leider war die Mama nicht da, um die Beiden (vielleicht!) aufzuklären. Allerdings war die Vermutung des Jungen gar nicht so abwegig, denn hinter mir war nach dem zweiten Weltkrieg ein Modehaus gebaut worden: C & A Brenninkmeyer. Davor stand ich nun, hoch aufgereckt, die Geige unter den linken Arm geklemmt, die Rechte dirigierend erhoben. Was also lag näher, mich, den Hofkapellmeister Louis Spohr, mit diesem Modehaus in Verbindung zu bringen. Nun, das ist auch schon wieder lange her, heute sind nur noch die Anfangsbuchstaben der Vornamen übrig geblieben, da ist eine solche Verwechslung kaum noch möglich, zumal für den des Lesens Kundigen ja mein Name auf dem Sockel steht. - Einen Moment bitte: Wirst du wohl verschwinden? Setz dich gefälligst woanders hin, du dumme Taube! Ich fühle mich ohnehin an manchen Tagen reichlich besch...! Gut, dass es ab und zu kräftig regnet! - Nun wieder zu Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser. Ja, was war das doch früher schön hier, als rechts von mir meine 'Arbeitsstelle' stand, das alte Hoftheater, das später dann dem Kaufhaus Tietz weichen musste. Inzwischen ist hier ein noch größerer Kauftempel entstanden. Hinter mir stand das Waitz'sche Palais. Verschwunden – ersetzt durch den Clamotten-August, wie das Bekleidungsgeschäft eine Zeit lang hieß. Links neben mir: das Roux'sche Haus, später Kommandantur genannt, von dem zumindest noch die Fassade mit dem wunderbaren Balkon erhalten ist. Aber innen? Kleidung für Besserbetuchte! Zum Glück sind auch noch drei Namen erhalten geblieben: Opernstraße, Theaterstraße und Opernplatz. Wer aber die Stadtgeschichte nicht kennt, wundert sich über diese Namen, denn er kann sie keinem der in der unmittelbaren Nähe liegenden Gebäude zuordnen.

So stehe ich nun hier und schaue in die Weite. Das konnte ich früher nicht, denn damals versperrte mir das neue Staatstheater, das quer am unteren Ende des Friedrichsplatzes stand, den Blick Richtung Söhre. Wobei „versperrte“ ein falscher Ausdruck ist, denn der Anblick des wirklich majestätischen Gebäudes weckte in mir schon etwas Neid: Dort hätte ich - unter großzügigeren Bedingungen als im alten Hoftheater – auch gern gearbeitet! Als alles um mich her in Trümmer fiel, war es zunächst ein kleiner Trost für mich, dass weite Teile des Theaters stehen geblieben waren. Wie groß war dann allerdings mein Entsetzen, als mitten in Friedenszeiten das immer noch imposante Gebäude abgerissen wurde! Andere Zeiten, andere Menschen, andere Gedanken! Zum Glück blieb das Fridericianum erhalten; vom Roten Palais ein Säulenrest; das Weiße Palais fiel der Verbreiterung der Königstraße zum Opfer; die Elisabethkirche musste dem breiten Steinweg weichen. Sie wurde allerdings schlicht, aber würdevoll wieder errichtet, wenn auch an anderer Stelle. Einen besonderen Akzent erhielt sie kürzlich durch ihren „Mann im Turm“, der in seiner einfachen, aber überzeugenden Pose einige wenige Gemüter sehr erregte, was ihn aber souverän schweigen ließ. Auch heute fällt mein Blick wieder auf ein Theater: umstritten, was seine äußere Gestalt betrifft, innen aber voller Leben und Kultur. Es würde mich wieder locken, herunter zu steigen und unter den heutigen Bedingungen dort zu arbeiten. Ich wäre zwar kein Hofkapellmeister, aber sicher auch ein GMD. Übrigens bin ich sehr stolz, dass man mir in Kassel sogar ein kleines Museum gewidmet hat. Ich kann es leider nicht selbst besuchen, habe aber viel Positives gehört. Und: Es gibt auch eine Louis-Spohr-Stiftung, die das Musikleben in Kassel in meinem Sinne fördert! Sie verwendet in ihrem Logo sogar meine von mir selbst entwickelte musikalische Schreibweise meines Namens. Das war damals gar nicht so leicht, Bach mit seinen Notenbuchstaben b, a, c, h hatte es da viel einfacher. Aber ich habe auch eine gute Lösung gefunden und freue mich, dass sie weiter lebt.

Jetzt erfreue ich mich aber auch an dem schönen Weitblick, genieße im Winter die Stimmung beim Weihnachtsmarkt, erdulde Demonstrationen verschiedenster Art, ertrage so manche Musik, die hier erklingt, sehe Straßenbahnen und die vielen Menschen, die durch die Straßen eilen. Einige stellen ihre Taschen an meinem Sockel ab und ruhen ein wenig auf meinen Stufen aus. Ich bin eigentlich ganz zufrieden – bis gestern!

Da steht wieder so ein kleiner Junge vor mir, schaut hoch und fragt seinen Papa: „Du, Papa, ist das der alte Fielmann, der da auf dem Sockel steht? Und hat der Geige gespielt?“ „Aber Junge,“ antwortet der Papa, „erstens hat der Mann doch gar keine Brille auf, außerdem kannst du doch lesen. Da steht doch 'Louis Spohr', nach dem ist in Kassel sogar eine Straße benannt worden. Und weißt du, warum? Der ist doch der Erfinder des Finanzamtes, das dort lange war. Und wenn du mir das nicht glaubst, dann frag die Mama, die weiß ohnehin alles besser als ich!“ - Da kann ich nur seufzen: „Hoffentlich!“

Text von Jürgen Pasche, vorgetragen beim Literarischen Stammtisch im HaDeBe - Haus der Bürgerstiftung - am Montag, den 20. August 2012.

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